Schulgeschichte
Die Geschichte der Fadingerschule
Kurzfassung Dr. E. Bernauer
Die Linzer Realschule im 19. Jahrhundert
Das BRG Fadingerstraße bzw. die Linzer Realschule, wie die Einrichtung ursprünglich hieß, zählt zu den ältesten und traditionsreichsten Schulen des Landes und prägte im Laufe der Jahre auch die Stadt- und Landesgeschichte mit, indem sie Teil des gesellschaftlichen Lebens war und prägende Persönlichkeiten des Landes aus ihr hervorgingen.
Auf die Gründung der Bildungseinrichtung im Jahr 1851 hatte der Schriftsteller Adalbert Stifter entscheidenden Einfluss, seine Vorstellungen und Bildungsideale durchdrangen die erste Phase der Schulentwicklung, zum damaligen Realschullehrer Johann Aprent verband ihn eine tiefe Freundschaft. Die naturwissenschaftliche Ausrichtung und große Praxisbezogenheit der Schule entsprach dem damaligen Zeitgeist der aufstrebenden Naturwissenschaften in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, der hervorragende Ruf der Linzer Oberrealschule wird auch daraus ersichtlich, dass mehrere Schülerarbeiten bei der Weltausstellung in London 1862 zu sehen waren.
In den 1870er-Jahren, in denen auch der junge Kronprinz Rudolf (1871) die Realschule besuchte, waren zukünftige oberösterreichische Wirtschaftspioniere und Frimengründer in erster oder zweiter Generation Schüler dieser Anstalt, wie etwa die Brüder Ludwig und Bruno Römer, (Leiter der Papierfabrik Nettingsdorf), Alfred Schuppler (Direktor der Papierfabrik Laakirchen), Konrad Rosenbauer, der den Beginn der eigenen Feuerlöschgeräteproduktion des Unternehmens einleitete. Während der Gründer der Eternit-Werke Ludwik Hatschek nur kurze Zeit Schüler der Linzer Realschule war, durchlief sein Sohn Hans Hatschek seine komplette Schullaufbahn an der Linzer Realschule. Er entwickelte nicht nur Patente für das Familienunternehmen, sondern war auch im Sozialbereich engagiert, indem er das Gebäude des Landeskrankenhauses Vöcklabruck stiftete und Wohnungen sowie Reihenhäuser für Arbeiter und Angestellte errichten ließ. Diese Namen stehen für mehrere Generationen von Wirtschaftspionieren, die ihr in der Linzer Realschule erlerntes Wissen und Können entsprechend einsetzten und so für den Aufschwung des Landes Oberösterreich und der Landeshauptstadt Linz entscheidend beitragen und mitwirken konnten.
1884 maturierte Camillo Kohn, Enkel des ersten erwählten Vorstehers der Israeliten in Linz Nathan Kohn und Sohn des Hof- und Gerichtsadvokaten Dr. jur. Josef Kohn der ebenfalls Vorstand der israelitischen Kultusgenossenschaft von Linz war. Der spätere Professor an der deutschen technischen Hochschule in Prag und Ehrendoktor der technischen Hochschule Aachen wurde im Konzentrationslager Theresienstadt 1943 ein Opfer der Shoah. Er war einer von vielen jüdischen Schülern, die die Linzer Traditionsschule besuchten, so wie auch sein Klassenvorstand Jonas Groag einer von mehreren jüdischen Professoren war, die an dieser Anstalt unterrichteten.
Der immer größer werdende Zulauf von Schülern am Ende des 19. Jahrhunderts bedingte einen Neubau des Schulgebäudes, 1909 erfolgte die Übersiedlung von der Steingasse in das großzügig ausgestattete neue Schulhaus in der Fadingerstraße Nr. 4.
Fakten und Mythen zu ehemaligen Realschülern
Am Beginn des 20. Jahrhunderts waren der später weltberühmte Philosoph Ludwig Wittgenstein und Adolf Hitler zur gleichen Zeit (Schuljahr 1903/04) Schüler der Linzer Realschule. Da die beiden beinahe gleich alt waren, gab es (in erster Linie von anglikanischen Pseudo-Wissenschaftlern) Spekulationen, die beiden wären in dieselbe Klasse gegangen, was jedoch falsch ist. Vermutlich sind sich die beiden nie begegnet. Darüber hinaus existieren mehrere Mythen, die eine angebliche Nähe der Linzer Realschule zu führenden Nationalsozialisten suggerieren. Der von amerikanischen Historikern verbreitete Irrtum, Ernst Kaltenbrunner wäre in die Linzer Realschule gegangen, hält sich ebenso hartnäckig wie die Darstellung, Adolf Eichmann wäre in der Realschule sozialisiert worden, wobei dieser nicht nur die Realschule, sondern zwei weitere mittlere bzw. höhere Schulen in Linz besuchte. Eine nüchterne und sachliche Analyse zeigt, dass Direktoren, Lehrer und Schüler der Linzer Realschule vor und während der NS-Zeit ebenso viel oder wenig deutschnational und später nationalsozialistisch eingestellt waren, wie in vergleichbaren anderen Linzer bzw. österreichischen Schulen, und dass es hier wie dort sowohl Täter als auch Opfer gegeben hatte.
Die Realschule wird zum Bundesrealgymnasium
Mit dem Neubeginn 1945 war man bestrebt, sich wieder der Wurzeln der alten Realschule zu erinnern, und ihre frühere Bedeutung wiederzugewinnen und aufrecht zu erhalten.
Durch die Aufstockung des Gebäudes im Jahre 1961 wurde die Raumnot beendet und einer größeren Schülerzahl Platz geboten. Im Zuge einer umfassenden österreichischen Schulreform hatte man 1962 die Schulform Realschule in ein Realgymnasium umgewandelt, womit auch ein Alleinstellungsmerkmal der Linzer Traditionsschule verlorenging. Unter den Absolventen der Linzer Traditionsschule in den Jahren ersten drei Jahrzehnten der Zweiten Republik waren der international agierende Manager und Reeder Helmut Sohmen, der Unternehmer, Politiker und Präsident der Wirtschaftskammer Österreichs Christoph Leitl sowie Landeshauptmannstellvertreter und Generaldirektor der Linz-AG Erich Haider, der auch der erste demokratisch gewählte Schulsprecher des Bundesrealgymnasiums Fadingerstraße war. Beim 125-jährigen Jubiläum im Jahr 1976 gingen 1100 Schüler in die Linzer Fadingerschule, weitere 520 Schüler besuchten die Expositur in Dornach, weshalb die Schule damals durchaus als Großbetrieb bezeichnet werden kann.
Aufbruch in Gegenwart und Zukunft
In den 1970er-Jahren begann an der Fadingerschule eine Phase des Aufbruchs in neue Zeiten. Direktor Dr. Helmut Burger, der 1973 die Leitung des Hauses von Franz Schafferhans übernommen hatte, war interessiert an Innovation. Mit der Gründung der Bühnenspielgruppe (BSG / M. Pilsz) im Schuljahr 1975/76 entstand das Langzeitprojekt „Cabaret“ (bis 1995), das rasch großen Zuspruch bei Schüler:innen und Publikum fand und zu engen Kontakten der Schule mit Kultureinrichtungen und Medien führte. Der Festsaal wurde zum kreativen Zentrum für Proben, Aufführungen und Medienprojekte (Ton- und Filmaufnahmen sowie erste Radioarbeit). Neben diesen kulturellen Initiativen prägten auch schulpolitische Veränderungen die Zeit: das Schulunterrichtsgesetz 1974 mit mehr Mitbestimmung für Schüler:innen und Eltern. Nur langsam sinkende Schülerzahlen nach der Babyboomer-Phase. Ein sportlicher Höhepunkt war der Sieg bei der österreichische Schülerliga der Fadingerschule im Jahr 1976.
In den 1980er-Jahren sanken die hohen Schülerzahlen von etwa 1200 auf rund 950. Mädchen waren in der ehemaligen Knabenschule weiterhin deutlich unterrepräsentiert. Neue Bildungsinhalte wie Politische Bildung wurden eingeführt. HR Dir. Dr. Burger leitete ab 1984 eine umfassende Renovierung des denkmalgeschützten Schulgebäudes ein, die bis Anfang der 1990er-Jahre dauerte. Ab 1980 konnten Maturant:innen diverse Fachbereichsarbeiten verfassen. Ein Höhepunkt war 1981 die Aufführung von „Jesus Christ Superstar“ im Brucknerhaus, an der zahlreiche Schüler:innen und Lehrkräfte (E. Deisinger) beteiligt waren. Das „Cabaret“ entwickelte sich zu einem der Alleinstellungsmerkmale des Hauses mit Auftritten auch außerhalb der Schule. Kooperationen mit Kulturinstitutionen sowie Film- und Theaterprojekte stärkten die öffentliche Präsenz der Schule. Im Sport holten Schüler:innen zahlreiche Landesmeistertitel in den Bereichen Fußball, Geräteturnen, Faust- und Handball.
Die 1990er-Jahre begannen mit dem Direktionswechsel zu Herwig Arnold und dem 140er Jubiläum der Schule (WS & Auftritt v. J. Hader / 40 Jahre VERS). Schulische Kulturarbeit fand zunehmend außerhalb des Hauses statt – Theateraufführungen im Posthof oder Studio Molière in Wien. Kabarett, Theater und Musical prägten weiterhin das kulturelle Leben der Schule. Am Sektor Film errangen Fadinger-Schüler:innen nationale und internationale Preise (Staatsmeistertitel, Goldenes Filmband d. Eurofilmer). Parallel zur damals entstehenden „Media-City Linz“ wurden im Haus neue Schwerpunkte entwickelt: Zusätzlich zur traditionell naturwissenschaftlichen Ausrichtung NRG (M. Turnwald), wurde das Mediengymnasium MRG samt Schulradio Radio FRECH ins Leben gerufen (M. Pilsz / Ch. Edhoffer). Langfristige Kooperationen mit Kulturinstitutionen und Festivals (spez. Kultur Hof, Festival der Nationen, Schäxpir, Youki) stärkten die öffentliche Präsenz der Schule und bestimmen ihre Projektkultur bis heute.
Um die Jahrtausendwende prägten Schulautonomie und die Zweige NRG & MRG die Entwicklung des Profils der Fadingerschule. Ein erster Höhepunkt war da das 150-Jahr-Jubiläum. Parallel dazu lief ein internationales Comenius-Projekt mit Sitz in Prag, an dem zahlreiche Lehrer:innen beteiligt waren. Es folgte ein Direktionswechsel: Auf HR Arnold folgten zunächst provisorische Leitungen, bevor 2006 mit Dir. Reinhard Pichler eine neue Ära begann: In seine Amtszeit fielen der Übergang zur Zentralmatura und die Einführung der Nachmittagsbetreuung. Die Aktivitäten des NRG entwickelten sich damals besonders dynamisch. Schüler:innen nahmen erfolgreich an Science-Weeks, Wettbewerben und Olympiaden teil. Parallel dazu entstanden im Medienzweig zahlreiche Musik/Medien-Projekte, ausgezeichnet mit zwei Landeskulturpreisen, dem Wenzlpreis usw. … Der Zenit des schulischen Engagements wurde im Kulturhauptstadtjahr Linz09 mit Projekten wie „komA“, „Fadinger Reloaded“ (Bernauer) oder dem Film „Agentin 009“ erreicht. Für das 09-Jugendmedium Radio FRECH und die etwa 25 künstlerischen Aktionen ging die Kulturmedaille des Landes an die MRG-Leitung. Auf Dir. Pichler folgte 2016 als erste definitive Direktorin Sylvia Bäck.
Heute präsentiert sich das BRG Fadingerstraße mit seinen Schwerpunkten MINT, Medien und Robotik als modernes schulisches „Triptychon“. Die Schule verbindet naturwissenschaftliche Tradition mit kreativer Medienarbeit sowie digitaler Innovation und gilt somit als eine der profiliertesten Bildungseinrichtungen Oberösterreichs.
Inhaltlich mehr dazu auf 200 Seiten im Buch „Die Fadingerschule“ von Dr. Egbert Bernauer, das anlässlich des 175er Jubiläums dieser Institution als nachhaltiges Projekt zur Schulgeschichte verfasst wurde. - Jederzeit erhältlich in der Direktion des Hauses (BRG Linz, Fadingerstraße 4)